Samstag, 08.08.2020
21.07.2020
   
Gebrauchtwagen trotzen Corona
 

Der Gebrauchtwagenmarkt ist im Juni zweistellig gewachsen.

"Kein großer Systemschaden entstanden"

Der deutsche Gebrauchtwagenmarkt hat im Juni der Corona-Krise die Stirn geboten. Die Zahl der Pkw-Besitzumschreibungen legte nach Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) um 14,1 Prozent auf 638.463 gegenüber dem Vorjahresmonat zu. Die Halbjahresbilanz 2020 stellt sich aber noch negativ dar: Rund 3,2 Millionen Halterwechsel bedeuten einen Rückgang von 11,4 Prozent.

"Die Bestände sind weiterhin hoch, aber es ist kein großer Systemschaden entstanden. Das bedeutet: Kein 'Firesale', keiner hat die Preise deutlich heruntergeschraubt, sondern der Handel hat sich größtenteils ruhig verhalten und seine Fahrzeuge mit Bedacht verkauft", erklärt Martin Weiss, Leiter Fahrzeugbewertung der Deutschen Automobil Treuhand (DAT). Viele Betriebe hätten die Situation so genutzt, dass sie ihre Gebrauchtwagen als passende Alternative zu den schwerer oder auch nicht verfügbaren Neuwagen anbieten.

Ist das Marktwachstum nachhaltig? Weiss verweist auf die gesenkte Mehrwertsteuer, die momentan das Rabattverhalten im Neuwagengeschäft dramatisch beeinflusse. "Das kann die Gebrauchtwagen deutlich unter Druck setzen. Zumal ein Neuwagenleasing oder eine von der Herstellerbank gestützte Finanzierung mit kleinen Raten den Kauf eines Gebrauchtwagens deutlich weniger attraktiv erscheinen lässt."

Attraktivität ist für den Branchenexperten auch das Stichwort für elektrifizierte Fahrzeuge: "Die deutlich gesteigerten Prämien führen bereits im Handel zu teilweise absurden Leasingangeboten und schüren die Gefahr von hohen Verlusten beim Weiterverkauf dieser Pkw in zwei bis drei Jahren." Und es könnte die klassischen Verbrenner in Bredouille bringen – sowohl auf dem Neu- als auch Gebrauchtwagenmarkt. Weiss: "Die E-Fahrzeuge, vor allem PHEVs, sind ja dann so attraktiv, dass sich Menschen, die eine solche Antriebsart weder brauchen noch korrekt laden können, dann trotzdem dafür entscheiden, um den Kostenvorteil zu haben."

Derzeit sei so viel Bewegung auf dem Markt wie noch nie. "Wir stehen an einem Punkt, an dem eigentlich ein technologischer Wandel erzwungen werden muss – Stichwort CO2-Emissionen –, gleichzeitig hält uns die Ungewissheit über die weltweite Pandemie und deren Auswirkungen z.B. auf die Kaufkraft in Atem", betont Weiss. Hinzu kämen die Quersubventionen durch Prämien und Leasingraten. Händler müssten deshalb alle Faktoren mit Bedacht einzubeziehen, um auf Veränderungen angemessen reagieren zu können. (AH)


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